Einer, der auszog
Moritz Baier ist Investmentbanker. Nicht irgendwo, sondern bei Goldman Sachs in New York. Wie es dazu kam und was seine Karriere auszeichnet.

Von Julia Hoscislawski

Kapitel 1:
Vom dualen Studium in die unter­nehmensinterne Strategieberatung: Nach seinem Wirtschafts­informatikstudium steigt Baier 2009 bei IBM in München ein.

Sonnenbrille, Shirt und Shorts: Sieht man Moritz Baier im Freizeitlook, unterscheidet er sich nicht wesentlich von seinen Altersgenossen. Doch so normal er auch wirkt: An seiner Karriere ist nichts alltäglich. Dem gebürtigen Niedersachsen ist mit 31 Jahren gelungen, was nur wenige schaffen. Seit 2014 ist er Investmentbanker bei Goldman Sachs in New York. 2015 zeichnete ihn das "Forbes"-Magazin als einen der 30 wichtigsten Finanzexperten unter 30 Jahren aus. Heute berät er globale Unternehmer wie den Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk oder den Computer- und Speichersystemhersteller Michael Dell.

Befragt man Baier zu seinen beruflichen Anfängen, denkt er nach: „So ganz absehbar war die Entwicklung nicht“, meint er. Das Thema Universitätsstudium, erklärt Baier, der aus einem Arbeiterhaushalt stammt, sei nach dem Abitur zu weit entfernt von seiner Lebensrealität gewesen – und das trotz sehr guter Abschlussnoten. Doch das Schicksal gibt ihm einen Wink: Einen Tag vor Bewerbungsfrist entdeckt der damalige Zivildienstleistende über eine Werbeanzeige den dualen Studiengang Wirtschaftsinformatik bei IBM. „Mit Computern konnte ich etwas anfangen“, so Baier, der zu der Zeit den Großteil seiner Freizeit mit Freunden und Computerspielen verbrachte. Er schafft es sogar bis zum Weltmeistertitel im Computerspiel „Diablo II“, dem Vorgänger von „World of Warcraft“. Die Bewerbung setzt er über Nacht auf. „Das war ganz schön sportlich.“

Einen Tag vor Bewerbungsfrist entdeckt der damalige Zivildienstleistende über eine Werbeanzeige den dualen Studiengang Wirtschaftsinformatik bei IBM.

Nach dem erfolgreichen dualen Studium der Wirtschaftsinformatik bei IBM in Berlin steigt er 2009 im Münchner Büro als Mitglied der globalen unternehmensinternen Strategieberatung ein. Das internationale Team erstellt Studien und Analysen, die die Entscheidungsträger des Konzerns weltweit bei der Unternehmensführung unterstützen. „Nicht jeder Berufseinsteiger hat die Möglichkeit, in ein solches Team zu wechseln. Das war eine Riesenchance“, stellt Baier fest. Er weiß sie zu nutzen, 2010 macht er sich einen Namen im Unternehmen: „Ich habe mit meinem Team eine Software entwickelt, die später bei IBM global ausgerollt wurde – und dem Unternehmen bis heute einen bedeutenden zusätzlichen Umsatz einbringt.“

Moritz Baiers Karriereschritte im Überblick


Grafik: F.A.Z.

Der Erfolg macht Baier mutig. Als Bonus für den Projekterfolg bietet ihm die IBM-Konzernleitung eine Trainingsoption an. Baier denkt an die Erfahrung, als Teamleiter Kollegen auf Augenhöhe geführt zu haben, viele von ihnen mit zusätzlichem MBA-Abschluss. Er traut sich, einen persönlichen Wunsch zu äußern: nach einer vertiefenden akademischen Profilierung. „Auch nur daran zu denken war irgendwie verrückt. Aber da mein damaliger Vorgesetzter in Harvard Atomphysik studiert hatte, hab ich einfach gefragt, ob ein Harvard-Besuch auch als Training gelten könne.“ Es klappt.

Vier Monate Harvard beeindrucken den gerade 25-Jährigen. „Hier wurde mir klar, wie sehr ich akademische Exkurse mag“, sagt Baier. Er beschreibt sich als ehrgeizig und eigensinnig. Er probiert gern Neues aus und hat vor allem Freude, mehr zu lernen. So erklärt sich die Motivation, Urlaubszeiten für weitere universitäre „Seitensprünge“ zu nutzen. Es folgen Summer Schools in Cambridge und Peking sowie ein halbjähriges Fernstudium in Oxford.

Eines lässt ihn seit seinem Harvard-Aufenthalt nicht mehr los. „Vorher war ich kein expliziter Amerika-Fan“, so Baier. „Eher hatte ich die gängigen Vorurteile gegenüber der oberflächlichen Freundlichkeit der Amerikaner, die man so kennt.“ Doch plötzlich interessiert ihn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten: Groß denken, Unmögliches für machbar halten – das gefällt ihm. Als ein Teamkollege seinen Lebensmittelpunkt in die USA verlegt, weiß Baier „Das will ich auch.“ Seine Arbeit könnte er vom New Yorker IBM Standort ebenso gut erledigen wie von München. Innerhalb eines Jahres wechselt er den Arbeitsort – und zieht nach New York.

  • Immer engagiert: Schon bei IBM macht Baier auf sich aufmerksam.
  • Buchladen in Harvard: Vier Monate am Campus in Harvard beeindrucken Baier.
  • Zufrieden und glücklich: Baier und seine Freundin bei der Abschlussfeier in Stanford.
Kapitel 2:
Ein persönlicher Traum geht in Erfüllung: Aber wie ebnet sich für Baier der Weg nach Stanford?

Lange hält es Baier nicht an der Ostküste. „Das Silicon Valley ist für mich ein magischer Ort“, schwärmt Baier über das kalifornische Hightech-Zentrum. Die Begeisterung brennt sich in seiner Zeit in Amerika ein. Er träumt von einem Stanford-MBA, auch wenn die Chancen auf einen der begehrten Plätze sehr gering sind. Als eine der renommiertesten Business Schools der Welt kann die Uni jedes Jahr aus einem riesigen Bewerberpool knapp über 400 Kandidaten auswählen: In Baiers Bewerbungsjahr kamen davon rund 10 Prozent in die zweite Runde. 5 bis 6 Prozent erhielten eine Zusage, sagt er. Die geringste Annahmequote weltweit.

Um bei der Bewerbung alles richtig zu machen, nimmt sich Baier diesmal viel Zeit. „Und trotzdem hatte ich eigentlich nicht so große Hoffnungen, dass es tatsächlich klappen könnte.“ Er bereitet seine Bewerbungsunterlagen ein ganzes Jahr lang vor. Welche Themen soll er in den geforderten persönlichen Essays aufgreifen? Bei wem sollte er die gewünschten Empfehlungsschreiben anfragen? Die Fragen lassen sich nicht leicht beantworten. Es gebe Bewerber, erzählt er, die mit persönlichen Empfehlungsschreiben des amerikanischen Präsidenten aufwarteten. Neben dem Erstellen des ausführlichen Lebenslaufs und der Zusammenstellung der Zeugnisse ist eine 15-seitige Online-Bewerbermaske auszufüllen. Die zweite Runde besteht aus einem etwa zweistündigen Interview. Als er im Frühjahr 2013 eine Zusage bekommt, kann er es kaum glauben: „Die melden sich telefonisch. Das war schon crazy. Alle Bewerber rund um den Globus, die ein Zusage bekommen, werden innerhalb von 24 Stunden von der Universitätsleitung persönlich angerufen. Ich musste nicht lange überlegen – und habe nach einer Stunde zugesagt.“

Ausgezeichnet: Baiers MBA-Zeugnis aus Stanford.

Rund 200 000 Dollar muss er nun an Studiengebühren berappen. 180 000 Dollar hat ihm sein Arbeitgeber IBM als finanzielle Unterstützung schon zugesichert: Eine Kostenübernahme gegen die feste Zusage, sich nach dem Abschluss zwei weitere Jahre an IBM zu binden. Doch die Finanzierungsberater auf dem Campus zeigen ihm andere Möglichkeiten auf: Stipendien, Praktika während der Semesterferien – oder ein Kredit, der im Verhältnis zu den zu erwartenden Einstiegsgehältern nach dem MBA-Abschluss überschaubar bleibt, stehen zur Debatte. Baier wagt den Schritt. Er entscheidet sich für die unsicherere Variante und sagt seinem alten Arbeitgeber ab. „Nach sieben Jahren bei IBM war mein Anreiz groß, noch einmal etwas Neues kennenzulernen. Und irgendwie hatte ich den Eindruck gewonnen, dass das auch ohne finanziellen Zuschuss machbar ist“, sagt er. So steht fest: Erst mal keine feste Geldzusage, aber unbegrenzte Einstiegsmöglichkeiten nach dem MBA. Vielleicht, so hofft Baier, gilt hier: Wer in einem vernünftigen Maß wagt, gewinnt?

Der Plan geht tatsächlich auf: Am Ende des Studiums ist er schuldenfrei. Neben gutbezahlten Praktika im Weißen Haus, bei McKinsey und Goldman Sachs sowie einer Stanford-Förderung hat er das Glück, vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) eine Teilfinanzierung zu bekommen. Das Stipendium selbst nennt sich Jahresstipendium für Graduierte. Und in einem zweiten Anlauf klappt es sogar mit dem über 90 000 Dollar dotierten Stipendium im European Recovery Program (ERP), einem Sonderprogramm der Studienstiftung des deutschen Volkes. „Die Studienstiftung fördert jedes Jahr nur eine Handvoll Stipendiaten in MBA-Programmen. Und man muss sich ziemlich früh bewerben. Die erste Bewerbung hatte ich schon abgeschickt, als noch nicht einmal die Zusage für Stanford feststand.“

  • Unterwegs in der Videospielbranche: Baier berät bei Goldman Sachs unter anderem Videospielehersteller zu Technologietrends.
  • German American Conference at Harvard: Als Speaker wird Baier heute sogar weltweit auf Veranstaltungen eingeladen.
  • Arbeiten an der Wall Street: Panoramasicht von Baiers Arbeitsplatz in Manhattan.
Kapitel 3:
Harte Arbeit, gutes Team, strategische Beratung: Bei Goldman Sachs sieht Baier die Computer­spiele­branche heute aus einer ganz neuen Perspektive.

Die meisten Leute können sich nicht vorstellen, was wir machen. Aber 80 Stunden Wochenarbeitszeit sind für mich seit Jahren Normalität. Man gewöhnt sich daran“, erzählt Baier über seinen Job. Fragt man ihn danach, wie hoch er dabei den Stressfaktor einschätzt, gibt er zehn von zehn möglichen Punkten an. „Der Einstieg bei Goldman Sachs war richtig hart“, fügt er hinzu. Auf der Zehner-Skala ungefähr bei „17“ einzuordnen, sagt er halb im Scherz, halb im Ernst.

„Ich hatte einiges aufzuholen, da ich mit meinem bisher beruflich sehr technischen Schwerpunkt weniger Wissen in Finanzierung und Buchhaltung hatte.“ Hinzu kam, was üblich ist, wenn man eine neue Stelle beginnt: Er hatte sich noch keinen Ruf erarbeitet, konnte sich Projekte noch nicht aussuchen, kannte die Arbeitsweise der Kollegen nicht und wusste daher auch nicht, mit wem er am besten zusammenarbeitet, wer wie tickt. Das sei heute, nach zwei Jahren, alles anders. Er fühlt sich wohl: „Unsere Arbeit ist sehr menschlich und teamorientiert, wir arbeiten extrem genau und wollen, auch im Interesse unserer Kunden, gute Arbeit machen.“

Top 10 Investmentbanken weltweit nach dem Wert der betreuten M&A Deals im Jahr 2016 (in Milliarden US-Dollar)



Quelle: Bloomberg

Doch warum hat Baier trotz dieses fordernden Stresslevels so viel Freude am Investmentbanking? „Das schöne an den großen Deals ist, dass man schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt an Entscheidungen beteiligt ist, die eine Industriebranche sehr nachhaltig beeinflussen und prägen, dass man positiv Einfluss nehmen kann auf gesellschaftliche Entwicklungen. Wir arbeiten Hand in Hand mit den großen Entscheidungsträgern aus der Wirtschaft. Bei mir sind das die großen aus der Technologiebranche, wie Michael Dell, Elon Musk oder Virginia Rometty, CEO von IBM“, so Baier.

Wie überall im Investmentbanking, sitzt auch Baier täglich von Montag bis Freitag in einem Großraumbüro. Samstags hat er frei, sonntags kann er heute meist von zu Hause arbeiten. „Dabei haben sich die Zeiten schon radikal geändert. Noch vor zehn Jahren gab es für Einsteiger auf Analystenpositionen die Sieben-Tage-Woche und den ersten freien Tag nach anderthalb Jahren.“ Das können sich die Banken heute nicht mehr leisten. Die guten Leute wanderten bei den Arbeitsbedingungen lieber zu Google oder Facebook ins Silicon Valley ab.

Als Projektleiter ist Baier heute für die erfolgreiche operative Umsetzung der Kundenwünsche zuständig. Unter ihm arbeiten im Team die Analysten und Associates, über ihm stehen die Direktoren und Partner, die oft auf Investmentbanking-Erfahrung von über 20 Jahren zurückblicken. Teilweise übernimmt Baier mittlerweile auch selbst die strategische Beratung von Unternehmen, beispielsweise im Bereich „Digital Gaming und eSports“. Darüber hinaus sieht er seine thematischen Schwerpunkte in verschiedenen Bereichen der Konzern-Informationstechnologie, unter anderem auch in künstlicher Intelligenz und Weltraumforschung. „Verschiedenste Unternehmen aus der IT-Branche haben in mir einen Ansprechpartner.“ Besonders freut den ehemaligen Diablo-II-Weltmeister: „Es ist wirklich ganz lustig, ich kann heute diejenigen Videospielehersteller finanzstrategisch beraten, deren Videospiele ich selbst zu Schulzeiten so begeistert gespielt habe.“ Und auch das Träumen hat Baier trotz des Erfolgs nicht verlernt. „Auch wenn mir die Arbeit viel Spaß macht: Langfristig will ich eigene Ideen verfolgen.“ Wo er dann landet, wird sich zeigen.